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Kurdischer Führer:
Interview über die Krise des geopolitischen Konflikts
in Syrien und die ausgeglichene Position Ägyptens (Dialog)

 

Am 06.01.2018 führte die ägyptische Tageszeitung Al-Dastur ein Gespräch mit dem kurdischen Politiker Mohiuddin Sheikh Ali. Als Generalsekretär der Kurdischen Demokratischen Partei der Einheit in Syrien nimmt er eine führende Rolle unter den kurdischen Politikern in Syrien ein.

Zusammengefasst beschreibt er die Krise in Syrien in erster Linie als einen geopolitischen Konflikt, der die Folge nationaler und internationaler Interessen ist. Religiöse und konfessionelle Ursachen für die Krise sieht er als zweitrangig an. Die türkische Besatzung der syrischen Region ist in den Augen des Politikers eine illegale Besatzung, die gegen das internationale Recht der UNO verstößt. Eine ethnische Säuberung seitens der türkischen Besatzer sei zu beobachten, da die kurdische Bevölkerung vertrieben wurde und neue, meist arabische Familien angesiedelt werden. Die türkischen Besatzer beschuldigt der syrisch-kurdische Politiker der Plünderung, illegalen Besatzung und der Veränderung der kurdischen Bevölkerung. Die ägyptische Regierung nimmt in dem Konflikt eine ausgewogene Haltung ein.

Der in der syrisch-kurdischen Stadt Afrin geborene Politiker Sheikh Ali, der während des türkischen Angriffskriegs darauf bestanden hatte, in der Stadt zu bleiben, unterstützt die syrisch-kurdische Bevölkerung bei dem Widerstand gegen die türkischen Besatzer. In einem Ort, in der Nähe der Stadt Afrin hat die Tageszeitung Al-Dastur folgendes Gespräch mit dem Politiker geführt:

Wer sind die Kurden in Syrien, wie erklären Sie die kurdische Frage und gibt es ein kurdisches Bestreben sich von Syrien zu trennen?

Nach Beendigung der französischen Mandatsherrschaft in Syrien ist das kurdische Volk im Laufe der Jahre einer Vielzahl von rassistischen Praktiken ausgesetzt worden. Dies begann mit der Verleumdung der kurdischen Identität, der Unterdrückung der kurdischen Kultur und endete schlussendlich in einer Arabisierungspolitik. Diese Politik führte zu einer Stärkung der rassistischen Atmosphäre in gesamt Syrien. Die kurdische Bevölkerung Syriens war dem Land generell immer sehr loyal eingestellt und schütze die Institutionen des Landes. Dies änderte sich jedoch als in der Stadt Daraa im Südwesten Syriens am 11 März 2011 ein Konflikt ausbrauch, der schnell ein sehr gewalttätiges Ausmaß annahm. In diesen Konflikt mischten sich sehr schnell umliegende Nachbarstaaten ein, indem sie radikal islamistische Gruppierungen unterstützen. Diese Gruppierungen nutzen die zunächst friedlichen Demonstrationen gegen das syrische Regime, um in Moscheen und Radiostationen Hass und Gewalt zu verbreitet. Unterstützt durch ausländisches Geld und Waffen sorgten diese islamistischen Gruppierungen zu einer Eskalation der zunächst friedlichen Demonstrationen. Der syrische Staat antwortete brutal und setzte Panzer ein, um den Aufstand zu bekämpfen. Die Kurden in Nordsyrien appellierten von Beginn an für eine friedlichen Prozess zur Lösung der syrischen Probleme, der die staatlichen Institutionen schützt.

Welche Rolle spielten die Kurden vor und während der Krise, und wie sieht es mit der bestehenden Selbstverwaltung in Nordsyrien aus?

Nachdem die syrische Regierung in dem andauernden Konflikt ihre Streitkräfte aus den kurdischen Gebieten abgezogen hat, entstand ein Machtvakuum in den Gebieten, das Platz für Chaos und Gewalt ließ. Die Kurden etablierten in Nordsyrien eine Selbstverwaltung, die in den Gebieten schnell für Frieden und Ordnung sorgte. Außerdem beschützten sie die Bevölkerung vor den Angriffen des IS und AL-Nusra. Unter der Selbstverwaltung in Nordsyrien wurden die Rechte der Frauen gestärkt, alle Religionen gleichgestellt und alle Volksgruppen mit denselben Rechten bedacht. Die Kurden wurden von Regierungen auf der ganzen Welt und von Medien mit lobenden Worten erwähnt. Dies zunehmend positive Stimmung vieler Regierungen steht im starken Kontrast zu den Ansichten der regierenden AKP-Partei in der Türkei. Diese sieht in dem Erstarken der Kurden in Syrien eine Bedrohung für das eigene Land, weswegen sie einen Angriffskrieg auf die Region Afrin startete und die friedliche Selbstverwaltung dort beendete und eine islamistische und gewalttätige Besatzung etablierte. Nach einer 58 Tage andauernden Belagerung durch das türkische Militär mussten sich die kurdischen Selbstverteidigungseinheiten aufgrund der militärische Überlegenheit des türkischen Militärs zurückziehen. Die Lage der Kurden in Syrien bleibt also aufgrund der türkischen Bedrohungen und Aggressionen weiterhin ungewiss.

Wie beschreiben Sie die momentane Situation in Afrin und die Situation der aus Afrin geflohenen Bevölkerung?

In einer offiziellen Rede hat die türkische Regierung behauptet, dass der historische prozentuale Anteil der Kurden in der Region Afrin zwischen 35 und 40 Prozent liegt. Der türkische Staat behauptet mit der illegalen Besatzung die Völkerverteilung in Afrin wiederherstellen zu wollen und Araber und Turkmenen dort erneut anzusiedeln.

Die offizielle Meinung der türkischen Regierung regt nicht nur Rassenhass und Ausgrenzung an, sondern widerspricht auch den dokumentierten Daten unterschiedlicher Institutionen, Ethnologen und Forschern zur historischen Bevölkerungszusammensetzung der Region. Diese Daten belegen, dass in der Region Afrin seit Jahrhunderten überwiegend eine kurdische Bevölkerung gelebt hat. Es ist also eine offensichtliche Täuschung der Araber und Turkmenen durch den türkischen Staat. Diese dokumentierten Wahrheiten stehen jedoch im starken Kontrast zu den Interessen der Chauvinisten, die die historische Existenz der Kurden verleumden und einen demografischen Wandel in der Region rund um Afrin anstreben. Durch Verleumdung und Lüge begründet und beschleunigt der türkische Staat also die ethnische Säuberung in Afrin.

Ist es möglich, dass die Türkei Afrin nach der Besatzung wieder verlässt?

Es wird nicht leicht die Türkei zu zwingen, ihre Streitkräfte aus Afrin abzuziehen. Exemplarisch kann hier ebenfalls Zypern genannt werden. Trotz vieler politischer und wirtschaftlicher Institutionen, die regelmäßig ihre Besorgnis ausdrücken und von der türkischen Regierung fordern, auf systematische Übergriffe auf Nachbarstaaten zu verzichten, da dies zur Schaffung neuer Krisen führt und eine negative Auswirkung auf die Wirtschaft haben kann.

So bleibt das besetzte Afrin Teil eines gesamtsyrischen Konflikts und wir werden alles erdenklich Mögliche gegen die Politik der türkischen Besatzer und ihrer syrischen Helfer tun. Wir hören erst auf, wenn die Besatzung beendet ist, alle türkischen Kriegsverbrechen dokumentiert wurden und den kurdischen Flüchtlingen die Rückkehr in ihre Heimat ermöglicht wird.

Wie beurteilen Sie die Rolle der islamischen Kräfte? Können diese eine positive Rolle im Syrienkonflikt spielen? Und sind Sie der Meinung das die Muslimbruderschaft eine gemäßigte Organisation unter den islamischen Organisationen ist?

Die Welle des Arabischen Frühlings wurde in den meisten arabischen Ländern gezielt von dem politischen Islam vereinnahmt und die Machtübernahme als etwas Heiliges betrachtet, da so der Weg für einen radikal islamischen Staat geebnet werden konnte. Es ging den Religiösen dabei nicht um die Zukunft der Völker oder der Bekämpfung von Armut und Ungleichheiten sowie der Schaffung pluralistischer Staaten, sondern nur um die Schaffung religiöser Staaten.

In Syrien haben die Muslimbruderschaft, die regierende AK-Partei in der Türkei und der Staat Katar spezielle Programme zur Unterstützung und Finanzierung islamischer Organisationen in der Region verabschiedet. Und somit flossen viele Waffen und viel Geld in die Hände islamistischer Organisationen. Sie erlangten somit die Kontrolle über eine Vielzahl von Menschen in Syrien, die sie nutzen, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Die Rekrutierung junger Aktivisten und einer Minderheit von Nationalisten zu Gunsten ihrer Projekte, die die Forderungen der syrischen Bevölkerung größtenteils ignorieren.

Solange Gewalt als Mittel zur Umsetzung islamischen Rechts angesehen wird, ist es schwer vorstellbar, dass der politische Islam eine positive Rolle in Syrien spielen kann.

Wir stellen fest, dass es der Bruderschaft in Zusammenarbeit mit dem Al-Qaida-Netzwerk und ihren regionalen Unterstützern gelang, viele bewaffnete, islamische Organisationen in Syrien zu bilden. Wir sind uns bewusst, dass die Muslimbruderschaft nach Außen eine Mäßigung propagiert und auch von Demokratie spricht. Jedoch wissen wir auch über die militärischen Aktionen gemeinsam mit Al-Kaida und dem IS Bescheid. Uns ist auch bekannt, dass die alten Kader der Muslimbruderschaft an der Gründung von Al-Kaida beteiligt waren

Terrorismus und Extremismus in all seinen Ausprägungen bedrohen die gesamte Menschheit Das syrischen Volk hat einen hohen Preis gezahlt. Welches sind die effektivsten Mittel, um Terrorismus zu bekämpfen? Wie kann er insbesondere in Syrien besiegt werden?

Der erste Schritt zur Bekämpfung des Terrorismus beginnt mit der Aufklärung der Bevölkerung und damit der Widerlegung der Ideologie von Extremisten. Weiterhin müssen syrische und internationale Institutionen eng zusammenarbeiten, um eine nachhaltige, friedliche und politische Lösung zu finden. Diese Lösung muss auf der Resolution 2254 des UN-Sicherheitsratsbasieren  und eine Reihe von nationalen und internationalen Konferenzen umfassen, die unter der Aufsicht der vereinten Nationen durchgeführt werden sollen.

In Anbetracht der andauernden Konflikte im Nahen Osten und der stärker werdenden Konfessionskonflikte, wie beurteilen Sie die Rolle der Türkei und des Irans in Syrien?

Die gegenwärtige Situation sowie zeitgenössischen Geschichte des Nahen Ostens legen nahe, dass die Krisen des Nahen Ostens in absehbarer Zukunft ungelöst bleiben:

Eine der schwerwiegendsten dieser Krisen ist der Konflikt um Syrien und die Küsten des östlichen Mittelmeerbeckens. Trotz all des Leids wird Syrien stets die Heimat für alle Syrier weltweit bleiben und nicht ein neuer Spielball für die Türkei, den Iran oder andere sein.

Was Syrien in nun mehr als sieben Jahren erlebte ist im Wesentlichen ein geopolitischer Konflikt, bei dem nicht nur regionale Mächte mitmischen, sondern auch internationale. Ohne die Einmischung der externen Mächte wäre dem syrischen Volk viel Leid erspart geblieben.

Wie sehen Sie die Rolle Ägyptens in der Syrienkrise?

Die Positionen der Arabischen Republik Ägypten während der Treffen der UN-Generalversammlung oder der Arabischen Liga zur Findung einer politischen Lösung der Syrien-Krise spiegeln eine ausgewogene Position wider.

Die ägyptische Haltung, die einen Tag nach Beginn der türkischen Besatzung veröffentlich wurde, lehnt diese Aggression ab. Wir schätzen die Haltung der Arabischen Republik Ägyptens sehr. Die Bevölkerung Syriens hofft, dass Ägypten, welches ein Land mit regionalem und internationalem Gewicht ist, eine wichtige Rolle zur Befriedung Syriens spielen wird.